Die Netzskulptur von Janet Echelman hängt seit dem 31. Juli über der Konstablerwache. Vier zwölf Meter hohe Stahlpylonen tragen ein Netz aus gespleißten Fasern. Das Netz misst rund 26 Meter in der Breite, bedeckt mehr als 200 Quadratmeter und schwebt in über sieben Metern Höhe. Nachts glimmt das Werk schon, richtig eröffnet wird es am 11. August gegen 21 Uhr mit einer Licht- und Soundinszenierung. Drei Jahre soll es hängen. In den Monaten November bis Februar wird es abgenommen, damit kein Eis herabfällt.

Ich habe mir in den letzten Wochen viele Berichte über dieses Projekt durchgelesen. Auffällig ist, worüber die Stadt nicht redet. Nicht über Ästhetik, nicht über Geschmack. Sondern über Geld und über Verfahren. Genau dort liegt der Kern der Sache.

Das Werk heißt „A Sky Full of Hope: Earthtime 1.78 Frankfurt“ und entsteht im Rahmen der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026. Die Zahl 1.78 verweist auf die 178 Nationen, deren Einwohner in Frankfurt leben. Zuvor hing die Arbeit unter anderem in Dubai, Madrid, Mailand und Wien. Die Künstlerin selbst bezeichnet ihre Netze als lebendige Skulpturen, die sich mit Wind und Wetter verändern.

Die Kosten: rund zwei Millionen Euro

Die Gesamtkosten liegen bei rund zwei Millionen Euro, der Hessische Rundfunk nennt 2,3 Millionen. Bezahlt wird aus Steuermitteln. Das ist für sich genommen kein Skandal, Städte geben dauernd Geld für Kunst aus. Bemerkenswert ist die Herkunft des Geldes.

Sie kommt nicht aus dem Kulturetat von Dezernentin Ina Hartwig. Sie kommt aus der „Initiative Innenstadt", einem Programm des Stadtmarketings im Wirtschaftsdezernat von Stephanie Wüst. Rund 1,2 Millionen Euro davon waren ursprünglich für die Illumination der Innenstadt vorgesehen, wurden 2024 nicht ausgegeben und wären verfallen. Die Stadt hat das Geld gesichert, in einen Nachtragshaushalt überführt, aufgestockt und für das WDC-Jahr 2026 zweckgebunden.

Hartwig erklärt das so: „Es gab Geld, das im Stadtmarketing gewissermaßen übrig war für die Illumination unserer Stadt."

Genau diese Formulierung ist das Problem. Geld, das übrig ist, fühlt sich nicht wie Steuergeld an. Es ist es trotzdem. Jeder Euro stammt aus derselben Kasse, egal welcher Topf ihn am Ende führt. Wer einen Topf wechselt, um eine Ausgabe zu finanzieren, die im Kulturetat nicht durchgegangen wäre, verschiebt nur die Verantwortung.

Wie viel davon als Miete an die Künstlerin fließt, hält die Stadt geheim. Das Honorar gilt als Geschäftsgeheimnis, ebenso die Auftragsmodalitäten für die Frankfurter Agentur, die den Aufbau übernommen hat. Wer Steuergeld ausgibt, sollte erklären können, wofür. Ein Geschäftsgeheimnis ist kein gutes Argument für öffentliche Ausgaben.

Eduard M. Singer, Leiter der Stabsstelle Stadtmarketing, beschreibt das Ziel so: einen reinen Funktionsraum in einen identitätsstiftenden Erlebnisraum zu verwandeln. Und die Frankfurt University of Applied Sciences begleitet das Projekt mit einem Lehrforschungsprojekt, das die Wirkung auf die Platznutzung untersucht. Eine Stadt, die die Vergabe nicht erklären will, lässt die Wirkung also erforschen. Das passt zusammen.

Was die Zahlen über Prioritäten sagen

Die Vergleiche mit der lokalen Szene fallen ernüchternd aus. Für die gesamte freie darstellende Kunst in Frankfurt standen 2022 rund 3,9 Millionen Euro an Zwei- und Vierjahresförderung bereit, mit Projektmitteln etwa 4,4 Millionen. Dutzende Gruppen und Spielstätten teilen sich diese Summe. Die freie Musikszene bekommt rund 650.000 Euro institutionell, für Projekte der Pop- und Breitenmusik sind es 120.000 bis 145.000 Euro.

Eine temporäre Skulptur kostet also fast die Hälfte dessen, was die gesamte freie Theaterszene der Stadt im Jahr erhält.

Auf Bundesebene zeigt sich dasselbe Muster. Der Kulturstaatsministerin gelang für 2026 ein Rekordetat von 2,5 Milliarden Euro für Kultur und Medien. Die sechs Bundeskulturfonds, die genau die freie Szene stützen, sollten um fast die Hälfte gekürzt werden, von rund 34 auf 18 bis 24 Millionen Euro. Die Leuchttürme wachsen, die kleinen Strukturen schrumpfen.

Die Vergabe: zwei Millionen ohne Wettbewerb

Jetzt zum Verfahren, denn dort wird es politisch. Öffentliche Aufträge über dem EU-Schwellenwert, der bei etwas über 200.000 Euro liegt, müssen grundsätzlich ausgeschrieben werden. Die Vergabeverordnung kennt eine Ausnahme. Direkt vergeben darf, wer nur von einem bestimmten Unternehmen beliefert werden kann, etwa weil ein einzigartiges Kunstwerk erschaffen oder erworben werden soll.

Die Stadt Frankfurt hat genau diese Ausnahme genutzt. Vergeben wurde ohne Ausschreibung und ohne Wettbewerb, eine Debatte im Vorfeld gab es nicht. Hartwig begründet das mit Echelmans Erfahrung in der Gestaltung des öffentlichen Raumes, aus vielen Städten dieser Welt.

Juristisch ist das eine Grauzone. Der Bedarf lässt sich immer so eng formulieren, dass nur eine einzige Person ihn erfüllen kann. Man definiert dann nicht mehr „einen Platz mit Kunst beleben", sondern „eine Aerial Sculpture von Janet Echelman". Ob der Bedarf ehrlich formuliert wurde oder so, dass er zur Entscheidung passt, die längst gefallen war, sieht nur, wer in die Akten schaut.

Die Richtlinien für Planungswettbewerbe des Bundes sehen für Kunst am Bau genau dieses Verfahren vor: anonyme Entwürfe und ein unabhängiges Preisgericht, das Ergebnis wird veröffentlicht. Andere Städte halten sich daran. In Berlin ist für Kunst im öffentlichen Raum ab 50.000 Euro in der Regel ein Wettbewerb Pflicht. München vergibt über die Kunstkommission QUIVID. Hannover und Köln koordinieren offene Verfahren über eigene Gremien. Frankfurt hat für das größte Kunstprojekt seit Jahren keines dieser Instrumente genutzt.

Die Kritik kam entsprechend von vielen Seiten. Michael Müller, Fraktionsvorsitzender der Linken im Römer, sagt, Kulturschaffende in Frankfurt kämen kaum über die Runden, die Förderung lasse viele Künstler im Stich, und die Szene leide unter Mietenwahnsinn und Raummangel. Der Installationskünstler Tobias Rehberger, Professor an der Städelschule, ärgert sich darüber, dass Frankfurt die x-te Stadt ist, in der eines von Echelmans Netzen hängt. Er nennt das kitschig. Claus Fischer, Sektionsleiter Frankfurt des Art Directors Club, sagt, von solchen Etats träume die Kreativwirtschaft, und wünscht sich ein nachvollziehbares Verfahren. Er ist sich sicher, dass viele Kreative angetreten wären, wenn es eins gegeben hätte.

Meine Meinung: Die Entscheidungslogik ist der Fehler

Jetzt zu meiner Sicht der Dinge. Ich halte das Projekt für einen Fehler. Nicht wegen der Kunst, die darf jeder mögen oder nicht. Sondern wegen der Entscheidungslogik.

Ich bin kein Kunstfeind, und ich glaube nicht, dass der Staat gar keine Kultur fördern darf. Aber zwei Grundsätze wurden hier verletzt. Erstens: Wer mit fremdem Geld handelt, braucht Verfahren, die dieses Geld schützen. Zweitens: Der Wettbewerb ist der beste Preisprüfer, den wir haben.

Was in Frankfurt passiert ist, ist das Gegenteil von Wettbewerb. Eine weltweit bekannte Künstlerin wurde von wenigen Entscheidern ausgewählt, zu einem Preis, der teilweise geheim ist, finanziert aus einem Topf, der für etwas anderes gedacht war. Ein privater Bauherr dürfte so einkaufen, es wäre sein Risiko. Eine Stadt, die so einkauft, setzt unser aller Geld aufs Spiel.

Dazu kommt die fiskalische Seite. Kunstförderung ist eine freiwillige Leistung. Das ist nicht schlimm, freiwillige Leistungen machen eine Stadt lebenswert. Aber freiwillige Leistungen müssen sich besonders rechtfertigen, wenn sie im Millionenbereich liegen. Frankfurt am Main trägt einen Haushalt mit erheblichen Pflichtausgaben. Wer dort zwei Millionen für ein dreijähriges Kunstwerk findet, die Sanierung der Konstablerwache aber seit Jahren aufschiebt, setzt die falschen Prioritäten.

Und die freie Szene? Ihre Forderung nach mehr Subventionen teile ich nicht automatisch. Mehr staatliches Geld löst die Ateliernot nicht, solange die Mieten steigen. Was ich teile, ist der Anspruch auf Konsistenz. Wenn die Stadt Kunst fördert, muss sie gleiche Regeln für alle anwenden. Sie kann nicht dem einen Projekt zwei Millionen hinterherwerfen und dem anderen die Existenz verweigern.

Die Beispiele aus anderen Städten stützen diese Sicht. In Karlsruhe finanzierte ein privater Verein die Keramikreliefs von Markus Lüpertz in der U-Bahn, rund eine Million Euro Spenden aus der Wirtschaft. Kein Steuergeld, aber trotzdem Ärger, weil öffentlicher Raum ohne Verfahren belegt wurde. Der Unterschied bleibt fundamental: Wer sein eigenes Geld riskiert, darf Fehler machen. Wer fremdes Geld ausgibt, nicht.

In Monheim am Rhein kaufte die Stadt Kunstwerke von Tony Cragg und Markus Lüpertz, bei gleichzeitiger Rekordverschuldung. Der Bund der Steuerzahler listet die Stadt dafür regelmäßig im Schwarzbuch auf. Und in Berlin wartet das Freiheits- und Einheitsdenkmal seit 2007 auf seine Fertigstellung, mit gescheitertem Wettbewerb, explodierten Kosten und umgesiedelten Fledermäusen. Was diese Fälle verbinden: Wenn Politik Kunst kuratiert, steigen die Kosten, und die Fertigstellung rückt in weite Ferne.

Was ich mir gewünscht hätte

Erstens einen offenen Wettbewerb für alles über 50.000 Euro, nach dem Vorbild Berlins. Die Stadt hätte Entwürfe aus der ganzen Welt bekommen, die lokale Szene wäre dabei gewesen, und der Preis wäre öffentlich geworden.

Zweitens Prestigeprojekte nur mit privatem Kapital. In Frankfurt gibt es Unternehmen und Stiftungen genug, die sich mit einem solchen Netz schmücken würden. Wenn die Sache so gut ist, wie ihre Befürworter sagen, findet sie auch Geld. Das ist der Markttest, dem sich Kunst im öffentlichen Raum stellen sollte.

Drittens einen ehrlichen Kulturetat statt kreativer Töpfe. Die Stadt soll eine Zahl nennen, die sie für Kunst ausgeben will, und diese Zahl öffentlich verteidigen. Dann entscheidet die Stadtverordnetenversammlung über Prioritäten, und zwar offen, statt über Umwege.

Und ein Blick auf die Szene, die im Schatten dieser Debatte steht. Atelierfrankfurt, nach eigener Darstellung Hessens größtes Kunstzentrum, vermietet im Osthafen rund 150 Ateliers an über 200 Künstlerinnen und Künstler, in einem ehemaligen Lagerhaus, betrieben von einem gemeinnützigen Verein, zu geförderten Mieten. Diese Struktur trägt das ganze Jahr, kostet die Stadt vergleichsweise wenig und bekommt von der zwei Millionen schweren Geste keinen Euro. Genau solche Orte verdienen Aufmerksamkeit.

Und der Erzeugermarkt?

Während der Bauarbeiten musste der Erzeugermarkt weichen, die Stände zogen zur Hauptwache um. Die FAZ dokumentierte Ende Juli Umsatzprobleme und Existenzängste der Händler. Seit dem 1. August findet der Markt wieder auf der Konstablerwache statt, direkt unter dem Netz. Die Rechnung für die große Geste zahlen am Ende die kleinen Stände. Das ist keine Nebensächlichkeit, das ist die Reihenfolge der Prioritäten.

Kurz gesagt

Rund zwei Millionen Euro, kein Wettbewerb, Geld aus dem Stadtmarketing-Topf: Die Netzskulptur von Janet Echelman über der Konstablerwache zeigt, wie Prestigeprojekte entstehen, wenn Verfahren und Transparenz fehlen. Die freie Szene bekommt im ganzen Jahr weniger, als das Projekt kostet. Kunst im öffentlichen Raum braucht Wettbewerb, öffentliche Preise und privates Geld. Das Netz hängt drei Jahre, die Entscheidungslogik dahinter sollte man sich merken.

Was bedeutet das für mich?

Geh hin und mach dir selbst ein Bild. Die Eröffnung ist am 11. August gegen 21 Uhr, und drei Jahre lang kannst du das Netz anschauen, wann immer du willst. Ob es schön ist, entscheidest du allein, das ist Geschmackssache.

Achte bei den nächsten städtischen Projekten auf zwei Dinge: auf die Herkunft des Geldes und auf das Verfahren. Beides steht in öffentlichen Unterlagen. Haushaltspläne, Vergabevermerke und Stadtverordnetenprotokolle sind frei zugänglich. Wenn dir etwas nicht passt, schreib deiner Stadtverordneten. Und wenn du sehen willst, wie viel Frankfurter Kultur ohne Millionenbudget entstehen kann, schau dir ein Programm von Atelierfrankfurt an.

Quellen

Meinungsbeitrag. Alle Zahlen und Zitate stammen aus den genannten Quellen, Stand August 2026.

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