Es ist ein merkwürdiges Paradox. Noch nie war es so einfach, informiert zu sein. Und noch nie haben so viele Menschen bewusst Abstand von den Nachrichten genommen. Die Daten des Reuters Institute Digital News Report 2025 zeigen für Deutschland einen Rekordwert: 71 Prozent der erwachsenen Internetnutzerinnen und -nutzer vermeiden Nachrichten zumindest gelegentlich, 13 Prozent sogar oft. Vor drei Jahren waren es noch deutlich weniger. Dieser Artikel erklärt, was hinter der Erschöpfung steckt. Und wie du informiert bleiben kannst, ohne dabei zu verzweifeln.
Was die Zahlen wirklich sagen
Die wichtigste Einordnung zuerst: Nachrichtenvermeidung ist kein Desinteresse. Das Interesse an Nachrichten bleibt in Deutschland stabil. 55 Prozent der Befragten sind stark oder sehr stark interessiert, und 91 Prozent konsumieren mehrmals pro Woche Nachrichten. Vermeidung ist also keine Abkehr, sondern eine Auswahl. Manche Themen, Quellen oder Tageszeiten werden bewusst gemieden, während du woanders weiterliest. Die Studienautoren nennen das „selektive Vermeidung“. Sie ist die häufigste Form.
Die Gründe sind klar benannt. Der wichtigste: die negative Wirkung auf die eigene Stimmung. 48 Prozent der Vermeidenden nennen sie, ein deutlicher Anstieg gegenüber früheren Jahren. Je 39 Prozent nennen die Menge der Berichterstattung über Kriege und Konflikte und die schlichte Menge an Nachrichten insgesamt als Grund. Etwa ein Viertel misstraut den Nachrichten oder hält sie für voreingenommen.
Interessant sind die Altersunterschiede. Menschen ab 55 stört vor allem die Kriegs- und Konfliktberichterstattung. Jüngere zwischen 18 und 24 fühlen sich häufiger von der schieren Menge erschöpft. Ein Fünftel von ihnen sagt, die Nachrichten hätten nichts mit dem eigenen Leben zu tun.
Was hinter der Erschöpfung steckt
Drei Mechanismen erklären, warum Nachrichtenkonsum heute anstrengender ist als früher.
Die Endlosigkeit. Nachrichten sind kein Zeitungsartikel mehr, den du liest und weglegst. Sie sind ein Strom, der nie endet. Wer einmal anfängt, beendet selten bewusst. Er hört nur auf, wenn etwas anderes dazwischenkommt. Das Gehirn behandelt unbegrenzte Ströme anders als begrenzte Angebote. Es kann nicht abschalten, es kann nur wegschauen. Die Nachrichten-App öffnet sich von selbst, ob in der U-Bahn zur Bockenheimer Warte oder am Küchentisch in Sachsenhausen.
Die emotionale Schleife. Schlagzeilen sind auf Aktivierung ausgelegt. Aktivierung ist anstrengend. Wer den Tag mit Krisen-Schlagzeilen beginnt und mit Krisen-Schlagzeilen beendet, lebt in Daueranspannung. Das hat mit informiert sein nichts zu tun.
Die Verantwortungsfalle. Nachrichten erzählen von Problemen, die du nicht lösen kannst. Das Gefühl, über alles Bescheid wissen zu müssen, ohne etwas bewirken zu können, erzeugt genau die Mischung aus Schuld und Hilflosigkeit, die Menschen dazu bringt, den Fernseher auszuschalten.
Informiert bleiben: die vier ehrlichen Strategien
Wer die Mechanismen kennt, kann gegensteuern. Ohne den Nachrichtenkonsum aufzugeben.
- Feste Zeiten statt Dauerstrom. Zweimal am Tag zwanzig Minuten Nachrichten, mittags und abends, reichen für den Alltag völlig. Was dazwischen passiert, ist entweder wichtig genug, um es zu erfahren, oder nicht. Push-Benachrichtigungen von Nachrichten-Apps gehören ausgeschaltet. Sie haben aus Nachrichtenkonsum einen Reflex gemacht.
- Tiefe statt Breite. Wer drei bis fünf vertrauenswürdige Quellen regelmäßig liest, ist besser informiert als jemand, der zwanzig Schlagzeilen überfliegt. Qualität heißt hier: Hintergrund, Einordnung, Kontext. Ein guter Wochenrückblick ersetzt zehn schlechte Einzelmeldungen.
- Das eigene Themenrecht. Niemand ist verpflichtet, jede Krise in voller Länge zu konsumieren. Du darfst wählen: Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, Lokales. Informiert sein heißt nicht, über alles Bescheid zu wissen. Es heißt, über das, was für das eigene Leben zählt, verlässlich Bescheid zu wissen.
- Aktives statt passives Konsumieren. Lies mit einer Frage mit: Was bedeutet das für mich? Wer nach Einordnung sucht statt nach Bestätigung, liest anders. Ruhiger und kritischer, mit weniger emotionaler Erschöpfung.
Kurz gesagt
71 Prozent der Menschen in Deutschland vermeiden Nachrichten zumindest gelegentlich. Die Gründe: Stimmungswirkung, Menge und Konfliktlast. Vermeidung ist kein Desinteresse, sondern Auswahl. Gegen die Erschöpfung helfen feste Zeiten, wenige gute Quellen, das eigene Themenrecht und aktives Lesen mit Einordnung.
Was bedeutet das für mich?
Beginne morgen mit einer kleinen Änderung. Schalte die Push-Benachrichtigungen deiner Nachrichten-Apps ab. Lege zwei feste Zeiten am Tag fest: zwanzig Minuten mittags, zwanzig Minuten abends. Wähle daneben drei Quellen, denen du vertraust, und erlaube dir, den Rest zu ignorieren. Nach zwei Wochen wirst du feststellen: Du weißt immer noch alles Wichtige. Es kostet dich nur nicht mehr deine Stimmung.
Quellen
- Reuters Institute Digital News Report 2025, veröffentlicht am 17. Juni 2025
- Behre, Hölig, Stöwing, Möller: Reuters Institute Digital News Report 2025, Ergebnisse für Deutschland, Hans-Bredow-Institut, 2025
Eigene Einordnung auf Basis der genannten Studien; Zahlenstand: Juni 2025.



