Es ist ein merkwürdiges Paradox. Noch nie war es so einfach, informiert zu sein. Und noch nie haben so viele Menschen bewusst Abstand von den Nachrichten genommen. Die Daten des Reuters Institute Digital News Report 2025 zeigen für Deutschland einen Rekordwert: 71 Prozent der erwachsenen Internetnutzerinnen und -nutzer vermeiden Nachrichten zumindest gelegentlich, 13 Prozent sogar oft. Der Wert steigt seit Jahren: 2017 waren es 50 Prozent, 2019 54, 2022 und 2023 jeweils 65, 2024 dann 69. Im Jahr 2025 sind es 71. Dieser Artikel erklärt, was hinter der Erschöpfung steckt. Und wie du informiert bleiben kannst, ohne dabei zu verzweifeln.
Was die Zahlen wirklich sagen
Die wichtigste Einordnung zuerst: Nachrichtenvermeidung ist kein Desinteresse. Das Interesse an Nachrichten bleibt in Deutschland stabil. 55 Prozent der Befragten sind stark oder sehr stark interessiert, und 91 Prozent konsumieren mehrmals pro Woche Nachrichten. Vermeidung ist also keine Abkehr, sondern eine Auswahl. Manche Themen, Quellen oder Tageszeiten werden bewusst gemieden, während du woanders weiterliest. Die Autoren des Reports unterscheiden deshalb zwei Gruppen: die dauerhaft Vermeidenden mit geringem Interesse und die selektiv Vermeidenden, die unter Nachrichtenüberlastung leiden und sich zu bestimmten Zeiten oder bei bestimmten Themen schützen wollen. Die selektive Vermeidung ist die häufigere Form, und sie betrifft vor allem Menschen, die eigentlich informiert bleiben wollen.
Die Gründe sind klar benannt. Der wichtigste: die negative Wirkung auf die eigene Stimmung. 48 Prozent der Vermeidenden nennen sie, neun Prozentpunkte mehr als 2022. Je 39 Prozent nennen die Menge der Berichterstattung über Kriege und Konflikte und die schlichte Menge an Nachrichten insgesamt als Grund. Etwa ein Viertel misstraut den Nachrichten oder hält sie für voreingenommen.
Interessant sind die Altersunterschiede. Menschen ab 55 stört vor allem die Kriegs- und Konfliktberichterstattung, 49 Prozent nennen sie. Jüngere zwischen 18 und 24 fühlen sich häufiger von der schieren Menge erschöpft, 43 Prozent. Ein Fünftel von ihnen sagt, die Nachrichten hätten nichts mit dem eigenen Leben zu tun. Und die jüngste Gruppe ist die einzige, deren Vermeidung 2024 auf 2025 deutlich gewachsen ist, um neun Prozentpunkte.
Was hinter der Erschöpfung steckt
Drei Mechanismen erklären, warum Nachrichtenkonsum heute anstrengender ist als früher.
Die Endlosigkeit. Nachrichten sind kein Zeitungsartikel mehr, den du liest und weglegst. Sie sind ein Strom, der nie endet. Wer einmal anfängt, beendet selten bewusst. Er hört nur auf, wenn etwas anderes dazwischenkommt. Die Forschung zur Informationsüberflutung, etwa die Standardarbeit von Bawden und Robinson aus dem Jahr 2009, beschreibt genau diese Paradoxien: Mehr Zugang bedeutet nicht mehr Verstehen, sondern mehr Auswahlstress. Und eine Studie von Holton und Chyi aus dem Jahr 2012 zeigt: Überforderung entsteht vor allem durch die Vielfalt des Angebots, nicht durch die Menge, die man tatsächlich nutzt.
Die emotionale Schleife. Schlagzeilen sind auf Aktivierung ausgelegt. Aktivierung ist anstrengend. Das lässt sich sogar messen: Soroka, Fournier und Nir zeigten 2019 in sieben Ländern, dass negative Nachrichten körperlich stärker wirken als positive, gemessen an Hautleitfähigkeit und Pupillen. Johnston und Davey fanden schon 1997, dass negative TV-Nachrichten die Tendenz erhöhen, eigene Alltagssorgen zu katastrophisieren, und die Wirkung hält Stunden an. Und Holman, Garfin und Silver zeigten 2014 nach dem Boston-Marathon-Attentat: Wer die Berichterstattung intensiv verfolgte, berichtete auch ohne direkten Bezug zum Ereignis von akutem Stress.
Die Verantwortungsfalle. Nachrichten erzählen von Problemen, die du nicht lösen kannst. Das Gefühl, über alles Bescheid wissen zu müssen, ohne etwas bewirken zu können, erzeugt genau die Mischung aus Schuld und Hilflosigkeit, die Menschen dazu bringt, den Fernseher auszuschalten. Toff und Nielsen haben 2022 gezeigt, dass antizipierte Angst, die erwartete Sorge vor dem, was einen erwartet, ein zentraler Faktor der Vermeidung ist, gerade bei Menschen mit geringem politischem Interesse.
Wie Deutschland im Vergleich steht
International gesehen ist die Vermeidung in Deutschland nicht extrem. Über alle 48 untersuchten Märkte vermeiden 40 Prozent die Nachrichten manchmal oder oft, 2017 waren es 29. Deutschland liegt mit 37 Prozent leicht unter dem Durchschnitt, auf Rang 31 von 48, gleichauf mit Tschechien und Spanien. Die höchsten Werte erreichen Bulgarien mit 63 Prozent, die Türkei und Kroatien mit 61. Am wenigsten vermeiden Japan mit 11 Prozent und Taiwan mit 21, und die nordischen Länder liegen alle unter 30. Ein Hinweis zur Methodik: Die deutsche 71-Prozent-Zahl zählt auch die Kategorie gelegentlich, der internationale Vergleich nur manchmal und oft. Die Zahlen sind deshalb nicht direkt vergleichbar, beide zeigen aber denselben Trend nach oben.
Das Vertrauen in die Nachrichten hat sich von seinem Tiefpunkt erholt. 2025 vertrauen 45 Prozent der deutschen Internetnutzer den Nachrichten insgesamt, Rang 15 von 48. 2021, auf dem Höhepunkt der Pandemie, waren es 53 Prozent, 2023 nur noch 43, der tiefste Wert seit Beginn der Erhebung. Und wer vertraut, vertraut am ehesten dem, was er selbst nutzt: 57 Prozent vertrauen den Nachrichten, die sie selbst konsumieren. Die wichtigste Quelle bleibt das lineare Fernsehen mit 43 Prozent, knapp vor Nachrichten im Internet mit 42. Bei den 18 bis 24-Jährigen nutzt jede zweite Person Nachrichten regelmäßig über Plattformen, 17 Prozent ausschließlich dort.
Informiert bleiben: die vier ehrlichen Strategien
Wer die Mechanismen kennt, kann gegensteuern. Ohne den Nachrichtenkonsum aufzugeben.
- Feste Zeiten statt Dauerstrom. Zweimal am Tag zwanzig Minuten Nachrichten, mittags und abends, reichen für den Alltag völlig. Die direkte Studie zu festen Nachrichten-Zeiten gibt es nicht, das sollte ehrlich gesagt sein. Aber die Nachbarforschung ist klar: Fitz und Kollegen zeigten 2019 in einer Feldstudie, dass Menschen, die ihre Benachrichtigungen auf drei Zeitfenster am Tag bündelten, sich wohler und produktiver fühlten. Und Kushlev und Dunn zeigten schon 2015, dass dreimal tägliches E-Mail-Abrufen den Stress senkt gegenüber Dauerabruf.
- Push-Benachrichtigungen aus. Sie haben aus Nachrichtenkonsum einen Reflex gemacht. Die experimentelle Beleglage ist eindeutig: Stothart, Mitchum und Yehnert zeigten 2015, dass schon das Eintreffen einer Benachrichtigung die Aufmerksamkeit stört, selbst wenn du das Handy nicht anfasst. Kushlev und Kollegen fanden 2016 mehr Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität bei aktivierten Benachrichtigungen. Die Branche reagiert längst: Im Digital News Report 2025 heißt es, 43 Prozent der Menschen ohne Nachrichten-Alerts hätten sie bewusst deaktiviert. Die BBC begrenzt ihre Alerts in der Regel auf zehn pro Tag, The Times verschickt gar keine, und Apple setzte im Januar 2025 fehlerhafte KI-Alerts aus.
- Tiefe statt Breite. Wer drei bis fünf vertrauenswürdige Quellen regelmäßig liest, ist besser informiert als jemand, der zwanzig Schlagzeilen überfliegt. Qualität heißt hier: Hintergrund, Einordnung, Kontext. Ein guter Wochenrückblick ersetzt zehn schlechte Einzelmeldungen. Die Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen zeigt, woran sich Vertrauen festmacht: 47 Prozent der Bevölkerung vertrauen den Medien bei wichtigen Dingen, das öffentlich-rechtliche Fernsehen führt mit 61 Prozent, soziale Medien gelten nur 3 Prozent als vertrauenswürdig. Das eigene Themenrecht gehört dazu: Niemand ist verpflichtet, jede Krise in voller Länge zu konsumieren. Informiert sein heißt nicht, über alles Bescheid zu wissen.
- Aktives statt passives Konsumieren. Lies mit einer Frage mit: Was bedeutet das für mich? Wer nach Einordnung sucht statt nach Bestätigung, liest anders. Ruhiger und kritischer, mit weniger emotionaler Erschöpfung.
Was die Branche dagegen tut
Die Verlage suchen Antworten auf die Vermeidung. Der Digital News Report nennt konstruktiven Journalismus, Erklärstücke und nutzungsorientierte Formate, die BBC plant KI-Personalisierung für jüngere Zielgruppen. Ob diese Maßnahmen wirken, hat der Report selbst nicht gemessen. Lokal sieht es besser aus als im bundesweiten Bild: 84 Prozent der Deutschen interessieren sich mindestens etwas für Nachrichten aus der eigenen Gegend, etwa die Hälfte nutzt wöchentlich lokale Nachrichten, bei den über 55-Jährigen sind es 61 Prozent. Lokale Zeitungen gelten in Deutschland als beste Quelle für Lokalpolitik, und die E-Paper-Auflagen stiegen im vierten Quartal 2024 um 23 Prozent. Für Frankfurt heißt das: Die lokale Zeitung und der hr bleiben die besten Anker, wenn du informiert bleiben willst, ohne dich zu verlieren. Der Hessische Rundfunk setzt mit der Initiative Weil Hessen mehr verbindet auf Dialogformate und eine Pop-Up-Redaktion in Friedberg, und in einer ARD-Studie vom September 2025, vorgestellt in Frankfurt, sagten 94 Prozent der Befragten, sie nutzen ARD, ZDF oder Deutschlandradio.
Kurz gesagt
71 Prozent der Menschen in Deutschland vermeiden Nachrichten zumindest gelegentlich, der Rekord seit 2017. Die Gründe: Stimmungswirkung, Menge und Konfliktlast. Vermeidung ist kein Desinteresse, sondern Auswahl, und die selektiven Vermeider sind die größere Gruppe. International liegt Deutschland mit 37 Prozent unter dem Durchschnitt von 40. Gegen die Erschöpfung helfen feste Zeiten, ausgeschaltete Push-Benachrichtigungen, wenige gute Quellen und aktives Lesen mit Einordnung. Für feste Zeiten gibt es keine direkte Studie, für Benachrichtigungen aus schon.
Was bedeutet das für mich?
Beginne morgen mit einer kleinen Änderung. Schalte die Push-Benachrichtigungen deiner Nachrichten-Apps ab, dafür gibt es die stärkste Beleglage. Lege daneben zwei feste Zeiten am Tag fest: zwanzig Minuten mittags, zwanzig Minuten abends. Wähle drei Quellen, denen du vertraust, und erlaube dir, den Rest zu ignorieren. Nach zwei Wochen wirst du feststellen: Du weißt immer noch alles Wichtige. Es kostet dich nur nicht mehr deine Stimmung.
Quellen
- Reuters Institute, Digital News Report 2025, veröffentlicht am 17.06.2025
- Behre, Hölig, Stöwing und Möller, Digital News Report 2025, Ergebnisse für Deutschland, Leibniz-Institut für Medienforschung (Hans-Bredow-Institut), Arbeitspapier 77, 17.06.2025
- Stothart, Mitchum und Yehnert, The attentional cost of receiving a cell phone notification, Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance, 2015
- Kushlev, Proulx und Dunn, Silence Your Phones, CHI 2016
- Fitz et al., Batching smartphone notifications can improve well-being, Computers in Human Behavior, 2019
- Kushlev und Dunn, Checking email less frequently reduces stress, Computers in Human Behavior, 2015
- Soroka, Fournier und Nir, Cross-country evidence of a negativity bias in psychophysiological reactions to news, PNAS, 2019
- Johnston und Davey, The psychological impact of negative TV news bulletins, British Journal of Psychology, 1997
- Holman, Garfin und Silver, Media's role in transmitting acute stress following the Boston Marathon bombings, PNAS, 2014
- Toff und Nielsen, How News Feels: Anticipated Anxiety as a Factor in News Avoidance, Political Communication, 2022
- Skovsgaard und Andersen, Conceptualizing News Avoidance, Journalism Studies, 2020
- Bawden und Robinson, The dark side of information: overload, anxiety and other paradoxes and pathologies, Journal of Information Science, 2009
- Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen, Forschungsergebnisse der Welle 2024, JGU Mainz, vorgestellt 21.05.2025
- hessenschau.de, ARD/ZDF-Studie zu Zusammenhalt und Mediennutzung, 17.09.2025
- Eigene Erfahrung mit Nachrichtenroutinen, 2025 bis 2026 (Armin Pálfi)
Eigene Einordnung auf Basis der genannten Studien; Zahlenstand: Juni 2025.


