Samstags kaufe ich bei tegut in Sachsenhausen ein. Seit einiger Zeit stehen dort Selbstbedienungskassen, und ich scanne meine Sachen selbst. Vor ein paar Jahren wäre genau dieser Einkauf ein Arbeitsplatz gewesen: eine Kassiererin oder ein Kassierer, der alles über den Tisch zieht. Der Beruf ist nicht verschwunden. Aber ein Teil der Arbeit ist weg. Die Statistik zeigt es: In der Berufsgruppe Kassierer und Kartenverkäufer waren 2019 noch 109.832 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte gemeldet, 2024 nur noch 99.245. Zehn Prozent weniger in fünf Jahren. Und trotzdem arbeiten heute noch fast 100.000 Menschen an deutschen Kassen.
Diese Erfahrung wiederholt sich gerade in vielen Berufen. Künstliche Intelligenz ersetzt selten ganze Berufe. Sie verändert aber fast überall Aufgaben. Genau das zeigt der Future of Jobs Report 2025 des Weltwirtschaftsforums. Er stützt sich auf Befragungen von über 1.000 Unternehmen aus 55 Ländern. Dazu kommen Deutschland-Zahlen vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, von der OECD, von der Bundesbank und vom Statistischen Bundesamt. Ich habe die Zahlen für dich eingeordnet.
Worum geht es?
Um die Frage, welche Berufe sich durch KI verändern. Die Antwort gibt es mit Zahlen statt mit Bauchgefühl. Die Kernaussage vorweg: Es geht fast nie um ganze Berufe. Es geht um Aufgaben innerhalb von Berufen. Wer das versteht, liest Schlagzeilen über KI und Arbeit anders.
Warum ist das relevant?
Weil die Antwort deine Berufswahl und deine Weiterbildung betrifft. Die öffentliche Debatte schwankt zwischen alles wird ersetzt und alles bleibt. Beide Seiten übertreiben. Die Daten zeigen ein drittes Bild. Und der Arbeitsmarkt hat gleichzeitig das Gegenteil von Jobmangel: Bei der Bundesagentur für Arbeit waren im Juli 2026 rund 653.000 Stellen gemeldet, das IAB zählte im ersten Quartal 2026 insgesamt 1,15 Millionen offene Stellen. Wer im Bankenviertel arbeitet oder dort Bekannte hat, sieht den Wandel jeden Tag. Vom Schalter bis zur Datenanalyse wandern die Aufgaben.
Die wichtigsten Begriffe
- Automatisierung: Übernahme regelbarer Arbeitsschritte durch Software und Maschinen. Mehr steht in der Begriffskarte zur Automatisierung.
- Upskilling: Weiterbildung, damit Beschäftigte die neuen Anforderungen erfüllen.
- Reskilling: Umschulung in einen anderen Beruf, wenn die alten Aufgaben wegfallen.
- Struktureller Wandel: Veränderung der Aufgabenprofile, ohne dass der Beruf verschwindet. Welche Aufgaben KI eher verändert als ersetzt, erklärt die Begriffskarte dazu.
Die großen Zahlen
Bis 2030 erwartet der Report weltweit 170 Millionen neue Arbeitsplätze. 92 Millionen fallen weg. Das ergibt ein Netto-Plus von 78 Millionen, etwa sieben Prozent der Beschäftigung. Bei 39 Prozent der Kernkompetenzen ändert sich, was gefragt ist. Und rund ein Fünftel aller Jobs, 22 Prozent, erlebt einen strukturellen Wandel. Jobaufbau und Jobabbau zusammen betreffen also fast ein Viertel der heutigen Beschäftigung. Das ist kein kleiner Wandel, aber er läuft über Jahre und nicht über Nacht.
Die wichtigste Zahl für die KI-Debatte: Künstliche Intelligenz und Informationsverarbeitung schaffen dem Report zufolge 11 Millionen neue Jobs. Sie ersetzen 9 Millionen. Netto bleibt ein kleines Plus. Robotik und autonome Systeme liegen mit netto etwa 5 Millionen Jobs im Minus, sie sind der größte Verdränger. Das Bild ist also nicht KI frisst Arbeitsplätze. Es ist: Technologie verlagert Arbeit.
Welche Berufe wachsen
Die zehn am schnellsten wachsenden Berufe sind fast alle technisch: Big-Data-Fachleute mit rund plus 113 Prozent, Fintech-Ingenieure mit plus 93, KI- und Machine-Learning-Experten mit plus 82, Software- und App-Entwickler mit plus 57, Profis für Sicherheitsmanagement mit plus 53. Dahinter folgen Datenlager-Spezialisten, Fachleute für Elektro- und autonome Fahrzeuge, UI- und UX-Designer, Lieferfahrer und Internet-of-Things-Spezialisten. Für Deutschland nennt der Report ein eigenes Detail: KI- und ML-Spezialisten wachsen hier netto um 71 Prozent, etwas langsamer als global.
Absolut gesehen wachsen andere Bereiche stärker. Der größte Zuwachs kommt bei Frontline-Berufen: Farmarbeiter mit plus 35 Millionen, dazu Lieferfahrer, Bauarbeiter, Verkäufer und Lebensmittelverarbeiter. Auch Pflege, Sozialarbeit und Bildung brauchen laut Report deutlich mehr Menschen. Wer nur auf Technik-Jobs schaut, übersieht die größere Hälfte der Entwicklung.
Welche Berufe schrumpfen
Die Liste der schrumpfenden Berufe liest sich wie ein Atlas der Routine. Am stärksten sinkt die Nachfrage nach Postangestellten im Schalterdienst mit rund minus 33 Prozent, nach Bankangestellten im Schalterdienst mit minus 30 und nach Datenerfassungskräften mit minus 25. Es folgen Kassierer und Kartenverkäufer mit minus 19, Verwaltungsassistenzen mit minus 19, Druckberufe mit minus 19, Buchhaltungs- und Lohnkräfte mit minus 17, Lagerberufe mit minus 15, Zugbegleiter mit minus 13 und Haustürverkäufer mit minus 13. Durch generative KI neu in der Liste: Grafikdesigner mit rund minus 11 Prozent. Meine Selbstbedienungskasse bei tegut ist für die Kassierer das einfachste Beispiel. Gemeinsam ist diesen Berufen ein großer Anteil wiederholbarer, regelbasierter Schritte. Genau die kann Software besonders gut.
Die deutschen Zahlen bestätigen den Trend. Die Bundesbank zählte Ende 2010 noch 38.183 Zweigstellen der Kreditinstitute, Ende 2024 waren es 17.870, Ende 2025 nur noch 16.799. In fünfzehn Jahren hat sich die Zahl mehr als halbiert. Die Beschäftigtenzahl der kaufmännischen Bankfachkräfte sank von rund 481.000 im Jahr 2012 auf rund 406.000 im Jahr 2024, ein Rückgang von etwa 16 Prozent. Das Schalterpersonal ist dabei nur ein Teil der Gruppe, aber die Richtung ist klar.
Was sagen die Studien über Deutschland?
Das IAB hat das Automatisierungspotenzial aller Berufe berechnet. 38 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeiten in einem Beruf, in dem mindestens 70 Prozent der Tätigkeiten automatisiert werden könnten, Datenstand 2022. 2019 waren es 34 Prozent. Nach Anforderungsniveau sieht es unterschiedlich aus: Bei Fachkräften liegt das Potenzial bei 61,6 Prozent, bei Helfern bei 57,1, bei Spezialisten bei 49,7 und bei Experten bei 35,8. Den stärksten Anstieg seit 2019 gab es bei den Experten. Und der Kassierer gilt im IAB-Job-Futuromat als vollständig substituierbar.
Gleichzeitig rechnet das IAB in einer Szenarioanalyse vor, dass KI das jährliche Wirtschaftswachstum um durchschnittlich 0,8 Prozentpunkte erhöhen könnte, kumuliert 4,5 Billionen Euro in fünfzehn Jahren. Rund 1,6 Millionen Arbeitsplätze wären langfristig vom Strukturwandel betroffen. Die Gesamtzahl der Arbeitsplätze bliebe dem Modell zufolge aber ähnlich wie ohne KI. Wachstum und Verlagerung gehören zusammen.
Was machen die Unternehmen wirklich?
Die Nutzung von KI in deutschen Unternehmen steigt schnell. Laut Statistischem Bundesamt setzten 2021 nur 11 Prozent der Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten KI ein, 2023 waren es 12, 2024 schon 20 und 2025 dann 26 Prozent. Bei Großunternehmen liegt der Wert bei 57 Prozent, bei mittleren bei 36, bei kleinen bei 23. Das IAB-Betriebspanel misst dasselbe für generative KI: Von 5 Prozent der Betriebe im Jahr 2023 auf knapp 25 Prozent im Jahr 2025, weitere 9 Prozent planen die Nutzung. In den Nutzerbetrieben arbeiten fast 40 Prozent aller Beschäftigten.
Die Weiterbildung hinkt hinterher. Bitkom hat im Juli 2025 rund 1.000 Berufstätige befragt: Nur 20 Prozent wurden vom Arbeitgeber bereits im KI-Einsatz geschult, 70 Prozent bekommen gar kein Angebot. 14 Prozent glauben, KI könnte ihren Job komplett ersetzen. Der Report des WEF zeigt dieselbe Lücke global: 77 Prozent der Unternehmen planen Weiterbildung der bestehenden Belegschaft, 70 Prozent wollen Personal mit neuen Fähigkeiten einstellen. Und 59 von 100 Beschäftigten brauchen bis 2030 eine Weiterbildung, elf davon bekommen sie voraussichtlich nicht.
Die ehrliche Einordnung
Über die Zahlen solltest du dreierlei wissen. Sie sind Prognosen, keine Schicksale. Sie beschreiben Trends, nicht Endpunkte. Und sie sind global: Was für Indien oder die USA gilt, trifft nicht eins zu eins auf Deutschland zu. Die OECD schätzt, dass im Durchschnitt ihrer Mitgliedsländer 27 Prozent der Beschäftigten in Berufen mit dem höchsten Automatisierungsrisiko arbeiten. Gleichzeitig gilt KI nicht als Jobvernichter: Die OECD betont, dass KI aktuell Jobs eher verändert, als sie abzuschaffen. Nur rund ein Prozent der Beschäftigten verfügt über KI-Skills, und Deutschland gehört zu den Ländern, die KI-Talente netto anziehen. Dazu kommt die andere Seite des Arbeitsmarktes: Die Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit zählte 2025 noch 157 Engpassberufe, vor allem in Pflege, Medizin, Bau und Handwerk. In der Softwareentwicklung gibt es keine Engpässe mehr. Der Mangel sitzt woanders, und das wird sich durch KI nicht von selbst lösen.
Die Reaktion entscheidet mit. Wer sich auf die veränderten Anforderungen einstellt, hat gute Karten. Wer auf die alte Aufgabenliste wartet, riskiert mehr.
Kurz gesagt
Bis 2030 erwartet das Weltwirtschaftsforum weltweit 170 Millionen neue und 92 Millionen wegfallende Jobs. KI allein schafft netto etwas mehr, als sie ersetzt. Wachsen: Daten- und KI-Berufe, Pflege, Soziales, Bau, Bildung. Schrumpfen: Routinearbeit in Verwaltung, Buchhaltung, Schalter und Kundendienst nach Skript. In Deutschland arbeitet mehr als ein Drittel der Beschäftigten in Berufen mit hohem Automatisierungspotenzial, die Bankfilialen haben sich seit 2010 halbiert, und nur ein Fünftel der Berufstätigen wurde bisher in KI geschult. Entscheidend ist der Aufgabenmix, nicht der Berufstitel. Wiederholung ist Risiko, Urteilsvermögen ist Zukunft.
Was bedeutet das für mich?
Nimm deinen Beruf und schreibe auf, welche Aufgaben du diese Woche erledigt hast. Markiere, was sich in einer Anleitung beschreiben ließe. Den Teil übernimmt KI früher oder später. Frage dich dann: Welche Aufgaben machen den eigentlichen Wert meiner Arbeit aus? Genau die solltest du ausbauen. Zum Beispiel mit einer Weiterbildung oder mit mehr Verantwortung. Die Zahlen zeigen, dass die meisten Arbeitgeber noch nicht weiterbilden, also musst du selbst aktiv werden. Diese Übung habe ich selbst gemacht. Sie hat mir geholfen, meine Woche neu zu sortieren. Wer sie macht, hat der Diskussion etwas voraus.
Quellen
- Weltwirtschaftsforum, Future of Jobs Report 2025, Januar 2025, weforum.org
- Grienberger, Matthes und Paulus, IAB-Kurzbericht 5/2024, Automatisierungspotenziale der Berufe, 2024
- Zika et al., IAB-Forschungsbericht 23/2025, KI-Szenarien mit dem QuBe-Modell, 2025
- Friedrich und Kagerl, IAB-Kurzbericht 8/2026, Generative KI in den Betrieben, Mai 2026
- IAB-Job-Futuromat mit Daten der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit, abgerufen 06.08.2026
- Deutsche Bundesbank, Bankstellenberichte und Pressemitteilung zur Bankstellenentwicklung im Jahr 2025, 10.06.2026
- Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 444 vom 25.11.2024 und IKT-Tabelle zur KI-Nutzung, Stand 24.11.2025
- OECD, Employment Outlook 2023, Kapitel zu KI und Arbeitsmarkt, Juli 2023
- OECD, Skills in the AI age, Artificial Intelligence Papers Nr. 60, Juli 2026
- Bundesagentur für Arbeit, Fachkräfteengpassanalyse 2025, Mai 2026, und Arbeitsmarkt im Juli 2026
- IAB-Presseinfo vom 08.06.2026, 1,15 Millionen offene Stellen im ersten Quartal 2026
- Bitkom, Pressemitteilung Ein Fünftel wurde im Job zu KI geschult, 07.07.2025
- Eigene Erfahrung mit Kassensystemen und Weiterbildung (Armin Pálfi)
Eigene Einordnung auf Basis der genannten Studien. Prognosen sind keine Garantien.


