Samstags kaufe ich bei tegut in Sachsenhausen ein. Seit einiger Zeit stehen dort Selbstbedienungskassen, und ich scanne meine Sachen selbst. Vor ein paar Jahren wäre genau dieser Einkauf ein Arbeitsplatz gewesen: eine Kassiererin oder ein Kassierer, der alles über den Tisch zieht. Der Beruf ist nicht verschwunden. Aber ein Teil der Arbeit ist weg.

Diese Erfahrung wiederholt sich gerade in vielen Berufen. Künstliche Intelligenz ersetzt selten ganze Berufe. Sie verändert aber fast überall Aufgaben. Genau das zeigt der „Future of Jobs Report 2025“ des Weltwirtschaftsforums. Er stützt sich auf Befragungen von über 1000 Unternehmen aus 55 Ländern. Ich habe die Zahlen für dich eingeordnet.

Worum geht es?

Um die Frage, welche Berufe sich durch KI verändern. Die Antwort gibt es mit Zahlen statt mit Bauchgefühl. Die Kernaussage vorweg: Es geht fast nie um ganze Berufe. Es geht um Aufgaben innerhalb von Berufen. Wer das versteht, liest Schlagzeilen über KI und Arbeit anders.

Warum ist das relevant?

Weil die Antwort deine Berufswahl und deine Weiterbildung betrifft. Die öffentliche Debatte schwankt zwischen „alles wird ersetzt“ und „alles bleibt“. Beides ist falsch. Die Daten zeigen ein drittes Bild. Wer im Bankenviertel arbeitet oder dort Bekannte hat, sieht den Wandel jeden Tag. Vom Schalter bis zur Datenanalyse wandern die Aufgaben.

Die wichtigsten Begriffe

  • Automatisierung: Übernahme regelbarer Arbeitsschritte durch Software und Maschinen. Mehr steht in der Begriffskarte zur Automatisierung.
  • Upskilling: Weiterbildung, damit Beschäftigte die neuen Anforderungen erfüllen.
  • Reskilling: Umschulung in einen anderen Beruf, wenn die alten Aufgaben wegfallen.
  • Struktureller Wandel: Veränderung der Aufgabenprofile, ohne dass der Beruf verschwindet. Welche Aufgaben KI eher verändert als ersetzt, erklärt die Begriffskarte dazu.

Die großen Zahlen

Bis 2030 erwartet der Report weltweit 170 Millionen neue Arbeitsplätze. 92 Millionen fallen weg. Das ergibt ein Netto-Plus von 78 Millionen, etwa sieben Prozent der Beschäftigung. Bei 39 Prozent der Kernkompetenzen ändert sich, was gefragt ist. Und rund ein Fünftel aller Jobs, 22 Prozent, erlebt einen strukturellen Wandel.

Die wichtigste Zahl für die KI-Debatte: Künstliche Intelligenz und Informationsverarbeitung schaffen dem Report zufolge 11 Millionen neue Jobs. Sie ersetzen 9 Millionen. Netto bleibt ein kleines Plus. Robotik und Automatisierung liegen mit etwa 5 Millionen Jobs im Minus. Das Bild ist also nicht „KI frisst Arbeitsplätze“. Es ist: Technologie verlagert Arbeit.

Welche Berufe wachsen

Die am schnellsten wachsenden Berufe sind technisch: Big-Data-Fachleute, Fintech-Ingenieure, KI- und Machine-Learning-Experten, Software- und App-Entwickler, Profis für Cybersicherheit. Absolut gesehen wachsen andere Bereiche stärker. Pflege, Sozialarbeit, Bildung, Bau und Landwirtschaft brauchen laut Report deutlich mehr Menschen. Wer nur auf Technik-Jobs schaut, übersieht die größere Hälfte der Entwicklung.

Welche Berufe schrumpfen

Die Liste der schrumpfenden Berufe liest sich wie ein Atlas der Routine: Kassiererinnen und Kassierer, Verwaltungsassistenzen, Datenerfassung, Buchhaltungs- und Lohnassistenzen, Schalterpersonal bei Banken, Kundendienst nach Skript. Durch generative KI neu dabei: Grafikdesign-Aufgaben. Meine Selbstbedienungskasse bei tegut ist dafür das einfachste Beispiel. Gemeinsam ist diesen Berufen ein großer Anteil wiederholbarer, regelbasierter Schritte. Genau die kann Software besonders gut.

Was bedeutet das konkret?

Jetzt wird es persönlich. Die wichtigste Erkenntnis des Reports: Es geht um Aufgabenprofile, nicht um Berufstitel. Ein Buchhalter, der nur Belege erfasst, hat ein Risiko. Eine Buchhalterin, die zusätzlich berät und prüft, nicht. Mein Freund aus dem Bankenviertel hat das selbst erlebt. Sein alter Arbeitsplatz am Schalter wurde abgebaut. Er hat sich weitergebildet und arbeitet heute mit Daten. Sein Berufstitel ist geblieben, seine Aufgaben sind neue. Wer die neue Aufgabe lernt, bleibt. Wer auf die alte wartet, riskiert mehr.

Die ehrliche Einordnung

Über die Zahlen solltest du dreierlei wissen. Sie sind Prognosen, keine Schicksale. Sie beschreiben Trends, nicht Endpunkte. Und sie sind global: Was für Indien oder die USA gilt, trifft nicht eins zu eins auf Deutschland zu. Demografie, Arbeitsrecht und Ausbildung dämpfen die Entwicklung hier. Und die Zahlen altern: Der Report wird alle paar Jahre neu erhoben. Die Reaktion entscheidet mit. 77 Prozent der Unternehmen planen laut Report Umschulung. 70 Prozent wollen Personal mit KI-Erfahrung einstellen. Wer sich auf die veränderten Anforderungen einstellt, hat gute Karten.

Kurz gesagt

Bis 2030 erwartet das Weltwirtschaftsforum weltweit 170 Millionen neue und 92 Millionen wegfallende Jobs. KI allein schafft netto etwas mehr, als sie ersetzt. Wachsen: Daten- und KI-Berufe, Pflege, Soziales, Bau, Bildung. Schrumpfen: Routinearbeit in Verwaltung, Buchhaltung, Schalter und Kundendienst nach Skript. Entscheidend ist der Aufgabenmix, nicht der Berufstitel. Wiederholung ist Risiko, Urteilsvermögen ist Zukunft.

Was bedeutet das für mich?

Nimm deinen Beruf und schreibe auf, welche Aufgaben du diese Woche erledigt hast. Markiere, was sich in einer Anleitung beschreiben ließe. Den Teil übernimmt KI früher oder später. Frage dich dann: Welche Aufgaben machen den eigentlichen Wert meiner Arbeit aus? Genau die solltest du ausbauen. Zum Beispiel mit einer Weiterbildung oder mit mehr Verantwortung. Diese Übung habe ich selbst gemacht. Sie hat mir geholfen, meine Woche neu zu sortieren. Wer sie macht, hat der Diskussion etwas voraus.

Quellen

  • Weltwirtschaftsforum, Future of Jobs Report 2025, Januar 2025

Eigene Einordnung auf Basis des genannten Reports. Prognosen sind keine Garantien.

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