An diesem Wochenende wirkt Frankfurt am Main erholt. Die Kaltfront hat die dritte Hitzewelle des Sommers beendet, und der Main zeigt am Messpunkt Osthafen einen Pegel von rund 157 Zentimetern. Das ist normal, der übliche Bereich liegt zwischen 152 und 169 Zentimetern. Wer vom Eisernen Steg auf das Wasser schaut, sieht keinen Grund zur Sorge. Die Lage ist trotzdem ernst. Sie zeigt sich nur woanders: im Grundwasser, in den Quellen der Region und in Gemeinden, die ihr Trinkwasser rationieren.
Warum der Main voll aussieht
Der Main ist kein verlässlicher Gradmesser für den Wasserhaushalt. Er ist auf seiner Länge als Bundeswasserstraße von der Rheinmündung bis zur Regnitzmündung bei Bamberg durch 34 Staustufen staugeregelt. Die Wehre halten den Wasserstand konstant, auch wenn der Fluss deutlich weniger Wasser führt als üblich. Der mittlere Durchfluss am Bezugspegel Raunheim liegt im langjährigen Mittel bei 216 Kubikmeter pro Sekunde, aktuell sind es nach Angaben des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Main rund 50.
Der Vergleich mit dem Rhein zeigt, wie stark die Staustufen den Eindruck prägen. Bei Kaub zwischen Koblenz und Mainz fiel der Pegel am Montag auf 17 Zentimeter, den niedrigsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen. Der bisherige Tiefststand von 2018 hatte bei 25 Zentimetern gelegen. Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt sagt, der Rhein sei an dieser Stelle nicht mehr durchgängig befahrbar, Geschäftsführer Jens Schwanen nennt den Fluss „zweigeteilt". Für den Main gilt das nicht. Die Schifffahrt läuft weiter, nur langsamer, weil an den Staustufen vorschriftsgemäß mit weniger Wasser geschleust wird.
Das Grundwasser sinkt seit Monaten
Der Wasserstand des Mains sagt also wenig über die Wasservorräte aus. Die Vorräte liegen im Grundwasser, und dort zeigt die Kurve nach unten. Laut Hessischem Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) weisen aktuell 61 Prozent der Grundwassermessstellen in Hessen niedrige oder sehr niedrige Werte auf, bei 89 Prozent ist der Trend fallend. Der Juli 2026 war der trockenste Monat seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1881. In der Schwalm-Region fiel der letzte Niederschlag, der die Bäche speiste, im Februar. Peter Kugler, Betriebsleiter beim Wasserverband Schwalm, sagt, seitdem sei kein nennenswerter Regen gekommen, der die Wasserführung in den Bächen hätte ansteigen lassen. Etwa zwei Drittel aller hessischen Gewässer führen derzeit weniger Wasser als im langjährigen Niedrigwasserdurchschnitt.
Dazu kommt ein Muster, das Peter Kugler beobachtet: Es fehle zunehmend der winterliche Landregen, der das Grundwasser und die Bäche speist. Starkregen könne das Defizit nicht ausgleichen, weil das Wasser schnell abfließe, ohne in tiefere Schichten zu versickern. Bürgermeister Lukas Daum aus Gilserberg fasst es so zusammen: Von den letzten zehn Sommern seien nur drei nicht von Dürre betroffen gewesen, die Trockenperioden würden länger.
Der Trinkwassernotstand erreicht die Region
In mehreren Kommunen ist die Lage so angespannt, dass sie den Trinkwassernotstand ausgerufen haben. Schmitten im Hochtaunus tat das vor gut einer Woche, nachdem die Wasserampel erst auf Gelb, dann auf Rot gesprungen war. Anfang dieser Woche folgten Weilrod, ebenfalls im Hochtaunus, Lich im Kreis Gießen und Petersberg im Kreis Fulda. Am Freitag kamen die Stadt Fulda, Eichenzell und Ebersburg dazu. Vielerorts steht die Wasserampel in Hessen auf Rot.
Dort gelten seitdem verbindliche Verbote: Rasen und Beete nicht mehr bewässern, Pools und Zisternen nicht mit Trinkwasser befüllen, Autos nicht waschen, keine Reinigungsarbeiten mit dem Gartenschlauch oder dem Hochdruckreiniger. In Schmitten ist der Notstand bis zum 9. September befristet, wer gegen die Verbote verstößt, muss mit einer Geldbuße von bis zu 5.000 Euro rechnen. Trinken, Kochen, Körperhygiene und Wäschewaschen bleiben überall erlaubt.
Die RhönEnergie, die Fulda, Eichenzell und Ebersburg versorgt, meldet einen Verbrauch von rund 40 Prozent über dem Normalniveau. Geschäftsführer Arnt Meyer sagt, die Quellen gäben deutlich weniger Wasser ab, die Wasserstände in den Tiefbrunnen sänken, die Förderanlagen liefen rund um die Uhr: „Eine weitere Steigerung der Fördermengen ist nicht möglich."
Nicht überall sind die Regeln so hart. In Rockenberg in der Wetterau gibt es noch keine Verbote. Die Gemeinde hat keine eigenen Brunnen und keine Hochbehälter, sie hängt vollständig an ihrem regionalen Versorger. Bürgermeisterin Olga Schneider bittet ihre Bürger, das Auto möglichst nicht zu waschen und Pflanzen morgens oder abends mit Regenwasser zu gießen. Pools sollen dort derzeit nicht befüllt werden.
Frankfurts Rolle in dem Konflikt
Frankfurt selbst sieht keinen akuten Mangel. Das Klimadezernat von Stadträtin Tina Zapf-Rodríguez (Grüne) betont, die Trinkwasserversorgung sei nicht gefährdet, die Stadt verfüge über eine leistungsfähige Versorgung und ein historisch gewachsenes Verbundnetz. Doch Frankfurt bezieht 75 Prozent seines Trinkwassers aus dem Umland. Das Verbundnetz reicht nach Angaben des BUND bis nach Marburg, auf den Vogelsberg und ins Hessische Ried. Genau dort versiegen derzeit Quellen und Bäche fallen trocken, die Nidda, die Bracht, dazu Moore im Burgwald.
Der BUND wirft der Stadt vor, die Belastung der Gewinnungsgebiete zu verschweigen. Vorstandsmitglied Wolf-Rüdiger Hansen spricht von einer „laschen Haltung" Frankfurts und sagt, in den Gewinnungsgebieten werde zu viel Grundwasser abgepumpt, um es über weite Strecken durch das Leitungsnetz nach Frankfurt zu transportieren. Im Frankfurter Stadtwald seien die Bäume durchgängig braun gefärbt, der Jacobiweiher sei teils trockengefallen.
Auch die Versorger schlagen Alarm. Die Oberhessische Versorgungsbetriebe AG (Ovag) spricht von einer „nie dagewesenen Situation" und hat den Kommunen angekündigt, ab September die Abnahmemengen zu reduzieren. Rhein-Main nehme wesentlich mehr Wasser ab, als für die Reserven nachhaltig sei. Hessenwasser, die Betreiberin des Verbundnetzes, ruft zum Sparen auf, betont aber, die Lieferverpflichtungen vollständig erfüllen zu können. Geschäftsführerin Elisabeth Jreisat sagt, der Aufruf diene der Vorsorge, eine Einschränkung der Versorgung bestehe nicht.
Was die Stadt tut
Frankfurt verweist auf ihr Wasserkonzept von 2021: sparsamer Umgang, stärkere Nutzung von Regen- und Betriebswasser, ortsnahe Wassergewinnung. Das Grünflächenamt bewässert Parks und Bäume bereits mit Main- und Regenwasser, das soll ausgebaut werden, bis Grünanlagen ausschließlich mit Betriebs- oder Brauchwasser versorgt werden. Im Hessischen Ried wird Wasser versickert, um das Grundwasser zu stützen. Mainova und Hessenwasser investieren in die Mainwasserinfiltration und neue Leitungen. Die Stadt hat eine Kampagne gestartet: „Frankfurt spart Wasser!"
Wer in Frankfurt auf den Rasensprenger verzichtet, tut das freiwillig. Eine rechtliche Grundlage für Verbote gibt es in der Stadt nicht, das Umweltamt kann nur appellieren. Empfohlen wird, Rasen nicht zu bewässern und Schwimmbecken nicht zu füllen. Bei jungen Bäumen gilt das Gegenteil: Dort wird das Gießen ausdrücklich empfohlen, vorzugsweise mit Brauch- oder gesammeltem Regenwasser.
Wie ernst die Lage ist, zeigt der Stadtwald. Der jüngste Waldzustandsbericht von 2025 meldet für 45,6 Prozent der Bäume eine starke Kronenverlichtung, den höchsten Wert seit Beginn der Erhebungen. Die Stadt hält dagegen, die Schäden hingen mit den zurückliegenden Hitze- und Dürrejahren zusammen, nicht mit der Trinkwassergewinnung. Im Norden Hessens wird das Ausmaß der Trockenheit noch sichtbarer. Der Edersee, der größte Stausee des Landes, ist nur noch zu rund 16 Prozent gefüllt. Der Badebetrieb am Strandbad Waldeck ist eingestellt, an der Badestelle Rehbach warnt der Landkreis vor Blaualgen. Bei niedrigem Wasserstand tauchen die Reste der Dörfer Asel, Berich und Bringhausen wieder auf, die 1913 für den Stausee überflutet wurden. Der Präsident des HLNUG, Thomas Schmid, sagt über den Rhein: Seit Beginn der Messaufzeichnungen habe es dort noch nie so wenig Wasser gegeben. An der Untersuchungsstation in Mainz liegt eine Pumpe auf einer Sandbank.
Was du tun kannst
Die wirksamen Schritte sind unspektakulär, aber sie summieren sich. Rasen nicht sprengen, das Auto nicht mit Trinkwasser waschen, Pools nicht füllen. Regenwasser sammeln, in der Tonne oder der Zisterne, und damit die jungen Bäume gießen. Flächen nicht weiter versiegeln, damit Regen vor Ort versickern kann. Der Leitsatz der Stadt lautet: Jeder Liter, der vor Ort zurückgehalten und versickert wird, entlastet die Systeme.
Wer mehr wissen will, findet auf frankfurt.de Fragen und Antworten zur Trinkwassernutzung und den aktuellen Stand der Regeln. Und wer in einer der betroffenen Gemeinden wohnt, sollte die Verbote ernst nehmen. Der Trinkwassernotstand ist keine Formalie. Er ist die Folge davon, dass seit Monaten weniger Wasser nachkommt, als verbraucht wird.
Der Main wird davon auch in diesem Sommer nichts zeigen. Das ist der Trost der Staustufen und zugleich das Problem: Was unter der Oberfläche passiert, sieht man vom Eisernen Steg nicht. Man sieht es erst, wenn die Quellen versiegen, die Bäche trockenfallen und die Kommunen den Notstand ausrufen. Frankfurt bezieht drei Viertel seines Trinkwassers aus genau dieser Region. Wer spart, entlastet die Stadt und zugleich die Menschen und die Natur in den Gebieten, aus denen das Wasser kommt.
Die Begriffe dazu stehen im Wissensindex, mit der Erklärung des Trinkwassernotstands und der Checkliste: Wasser sparen.
Quellen
- Frankfurter Rundschau, Sommerhitze und Wassermangel: „Jeder Liter zählt“, 14.08.2026
- Frankfurter Rundschau, Umweltschützer kritisieren „lasche Haltung“ Frankfurts beim Trinkwasser, 13.08.2026
- Frankfurter Rundschau, Klimakrise sichtbar: Rhein vor der Zweiteilung, Main bleibt befahrbar, 13.08.2026
- Frankfurter Rundschau, Der Rhein führt so wenig Wasser wie schon lange nicht, 13.08.2026
- tagesschau (hr), Trockenheit in Hessen: In diesen Kommunen wird das Trinkwasser knapp, 13.08.2026
- hessenschau, Fulda, Eichenzell und Ebersburg rufen Wassernotstand aus, 14.08.2026
- HNA, Grundwasserpegel sinken: Seit Februar kein nennenswerter Regen, 15.08.2026
- n-tv (dpa), Edersee fast leer: „Schöner ist er, wenn er voll ist“, 14.08.2026
- HNA, Edersee fast leer, Weser kaum befahrbar: Nordhessen erlebt schlimmste Trockenheit seit Jahren, 15.08.2026
- Deutschlandfunk, Rhein-Niedrigwasser: Verbände beklagen Versäumnisse und warnen vor weiterer Zuspitzung der Lage, 10.08.2026
Alle Zahlen und Zitate stammen aus den genannten Quellen, Stand 16. August 2026.

